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Neu im Kino: "Paradies: Hoffnung"

Mit seiner Paradies-Trilogie hat Ulrich Seidl ein Meisterwerk abgeliefert. Sie begann 2012 in Cannes mit "Paradies: Liebe", setzte sich in Venedig mit "Paradies: Glaube" fort und auf der diesjährigen Berlinale feierte die Trilogie mit "Paradies: Hoffnung" ihren Abschluss. Der dritte Teil "Paradies: Hoffnung" kommt am 17.5.2013 ins deutsche Kino.

Der Inhalt:

Die Mutter macht in Kenia Urlaub, ihre Tante ist in christlicher Mission unterwegs. Die pubertierende und leicht übergewichtige 13-jährige Melanie (Melanie Lenz) wird in ein Diät-Camp verfrachtet. Bei Sport und gesunder Ernährung sollen die Pfunde purzeln und das Selbstbewusstsein des mürrischen Mädchens wachsen. Im Camp raucht sie ihre erste Zigarette, macht Kissenschlachten mit anderen Mädchen, aber bei Sport und Ernährungsberatung entwickelt sie Frust und Langeweile. Die Teenager werden vom dümmlichen und selbstherrlichen Schleifer (Michael Thomas) geschunden und so reißen sie fast jede Nacht aus, um sich mitternächtliche Snacks zu gönnen. Melanie beginnt mit dem 40 Jahre älteren Doktor des Camps (Joseph Lorenz) zu flirten und sucht diesen ohne besonderen Grund immer wieder auf. Die Treffen lassen in ihr Hoffnung auf Liebe und Aufmerksamkeit aufkeimen. Der Arzt ist sich durchaus bewusst, wie prekär die Situation ist. Trotzdem lässt er es zu, dass sich die Schwärmerei zuspitzt.

Ulrich Seidl ("Hundstage") macht seit 33 Jahren als Regisseur schonungslose Dokumentationen und Spielfilme. Seidl schaut sehr genau hin und ergründet filmisch die geistige, die moralische und die emotionale Beschaffenheit seiner Figuren in konzentrierter und meist zugespitzter Form. Dennoch wirken seine Figuren stets realistisch. Seidls Talent besteht darin, dass er nie voyeuristisch oder höhnisch ist - seine Arbeit begleitet immer eine sehr menschliche Seite. Schön sind seine Geschichten nicht: Die Träume seiner Antihelden gehen nie in Erfüllung und der Weg den sie gehen, gleicht einem beklemmenden Spießrutenlauf durch eine gleichgültige oder ausbeuterische Gesellschaft. Seidl zeigt seinen Protagonistinnen ihre Grenzen auf, begleitet sie auf ihren Lernwegen. Seine Lehren bieten keine leichte Kost - Melanies Hoffnung wird in "Paradies: Hoffnung" in der Luft zerrissen.

Die Behandlung der übergewichtigen Teenager im Camp erinnert an eine Soldaten-Ausbildung. Die "Insassen" werden mit Floskeln über Fitness und Ernährung dauerbeschallt und sie werden mit Verachtung und von oben herab behandelt. Besonders im Fitness-Lehrer Michael Thomas ("Import Export") zeigt sich, wie selbstgerecht und dumm die ästhetischen Ansprüche sind, welche an Heranwachsende gestellt werden mit dem Ziel, Sexualität und Liebe ohne Scham erfahren zu dürfen. Melanies Sehnsucht findet einen äußerst unglücklichen Ausdruck in ihrer Schwärmerei für den Arzt. Es ist von vornherein absehbar, dass sich ein Missbrauchsverhältnis entwickelt. Ebenso absehbar ist, dass es keine Gewinner dabei geben kann. Wie alle "Paradies"-Filme kommt auch "Hoffnung" ohne Katastrophe aus. Der Film hat eine hohe emotionale Durchschlagskraft - ganz ohne laute Töne.

Die Darsteller gehen an ihre Grenzen. Besonders die Hauptdarstellerin und Newcomerin Melanie Lenz liefert eine fantastische Performance ab, ihr Spiel geht unter die Haut. Zum Gelingen des Films trägt aber auch die außergewöhnliche Bildsprache bei: Die beiden Kameramänner Wolfgang Thaler und Ed Lachmann ("Hundstage", "Whore's Glory") zeigen statische Bilder, die oft so wirken als würde man Tiere in einem Käfig beobachten. Man will am liebsten wegsehen - aber man kann nicht.

Der dritte Paradies-Film ist, wie seine Vorgänger, von hoher emotionaler Dringlichkeit. Es handelt sich um einen Film, der herausfordert, manchmal schmerzt und der ausgehalten werden muss. Die Abgründe und der rabenschwarze Humor machen "Paradies: Hoffnung" zu einem hervorragenden Film, der die Trilogie perfekt abrundet.

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