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Der Deutsche Fernsehpreis 2008: Müde Preisverleihung und ein Eklat mit Reich-Ranicki

Zwar war der Deutsche Fernsehpreis 2008 ohne Zweifel eine ganz müde Veranstaltung, aber einer, der sorgte zwischenzeitlich für richtig Stimmung in Köln. Der kultige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sollte nun 88-jährig für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden. Der hatte aber eine ganz eigene Vorstellung davon, was einen Preis wert ist und was nicht. Kurz gesagt, Reich-Ranicki boykottierte seine eigene Auszeichnung und die Art und Weise, wie er das tat, lockerte das langweilige TV-Event kurzfristig richtig auf.

Hauptsächlich gab es spröde Preisverleihungen, flache Laudatio und müde Dankesreden. Als beste Hauptdarsteller des Fernsehjahres wurden Misel Maticevic und Veronica Ferres geehrt. Die Ferres bekam den Preis nach zwei erfolglosen Nominierungen für ihre Darbietung im Drama "Die Frau vom Checkpoint Charlie", Maticevic erhielt seinen für die Filme "Das Gelübde", "Die dunkle Seite" und "Die Todesautomatik". In der Kategorie bester Fernsehfilm war das vielfach nominierte Tatsachendrama "Contergan" erfolgreich. Beste TV-Serie wurde das RTL-Format "Doctor´s Diary", in der Comedy-Kategorie hingegen die ProSieben-Truppe von "Switch".

Dennoch, der Renner des Abends war Marcel Reich-Ranicki. Der Literatur-Papst trat nach der Laudatio ans Rednerpult und fing leicht umschweifend an zu erklären, was dieser Preis für ihn bedeutet, nämlich nichts. Nachdem er geklärt hatte, niemanden beleidigen oder verletzen zu wollen, sagte Reich-Ranicki: "Aber ich möchte auch ganz offen sagen, ich nehme diesen Preis nicht an." Der 88-Jährige war aber noch lange nicht fertig. Er erklärte, dass die Auszeichnungen für derartige Fernsehformate ihn stören, erzählte, dass man früher noch Gutes zu sehen bekam auf Arte und 3Sat. Heute habe sich das geändert, "Meist kommen da schwache Sachen, aber nicht diesen Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben", sagte Marcel Reich-Ranicki.

Reich-Ranicki erklärte, was er vom deutschen Fernsehen hält und warum er den Preis nicht wollte

Besonders erfrischend und souverän verhielt sich Moderator Thomas Gottschalk. Er fragte ganz offen und direkt "Darf ich einen Rettungsversuch unternehmen?" und schlug Reich-Ranicki vor, sich mit den anwesenden Sender-Intendanten zusammenzusetzen und ein Format zu erarbeiten, das seine Kritik aufgreift. "Wir setzen uns gemeinsam eine Stunde im Fernsehen hin - wir stellen diesen Preis in die Ecke und reden über alles das, worüber man im Fernsehen nicht mehr redet: über Bildung, über Lesen über Erziehung", schlug Gottschalk vor und konnte die Situation so tatsächlich retten.

Die entgleisten Gesichter im Publikum normalisierten sich im weiteren Verlauf der Vier-Stunden-Show wieder, aber ein fader Nachgeschmack bleibt. Tatsächlich reagierten die Verantwortlichen. Beim ZDF wird in Kürze ein Konzept vorgestellt, Reich-Ranicki gab bereits seine Zusage. Dann wird er reden dürfen, worüber er will, aber das wird sicher nicht so erfrischend wie sein Auftritt beim Deutschen Fernsehpreis 2008.

Quelle: FOCUS Online, sueddeutsche.de
Bild: YouTube

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