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Das umstrittene TV-Format 'Tatort Internet'

Seit der Erstausstrahlung von 'Tatort Internet' zieht die umstrittene Sendung immer weitere Kreise. Das RTL-2-Format hat über Internet-Chats vermeintliche Pädophile geködert und dann mit der versteckten Kamera entlarvt. Nun meldet sich das Bundesjustizministerium zu der fragwürdigen Praxis.

Am 7. Oktober schickte RTL 2 die Sendung das erste Mal um 20:15 ins Rennen, seither wird wie wild über die Verbrecherjagd berichtet. Laut Senderbeschreibung ist 'Tatort Internet' ein 'investigatives und gesellschaftlich relevantes Format, das aufrüttelt, schockiert und alle betrifft'. RTL 2 widme sich so 'in einem noch nie da gewesenen Rahmen dem Schutz von Kindern und Jugendlichen'.

Tatsächlich war es für die vom ehemaligen Hamburger Innensenator und Polizeipräsidenten Udo Nagel und Minister-Gattin Stephanie zu Guttenberg moderierte Sendung nicht schwierig, kontaktwillige Männer im Internet zu finden. Der Chat-User 'Xerxes' z.B. stand längere Zeit im Austausch mit der vermeintlich 13-Jährigen Leila. Er machte mit ihr ein Treffen in München aus und vereinbarte eine gemeinsame Übernachtung bei ihr. Von versteckten Kameras gefilmt unterhielten sich die beiden dann in einem Restaurant bis es zur Konfrontation mit der sich als Mutter ausgebenden Journalistin Beate Krafft-Schöning. Nach und nach stellte sich das Unfassbare heraus: Der 61-Jährige leitet ein Kinderdorf der Caritas, hat sich eigentlich dem Schutz von Kindern verschrieben.

Der Fall 'Xerxes' in der umstrittenen Sendung 'Tatort Internet'

Aus verschiedenen Gründen ist 'Tatort Internet' nun in heftige Kritik geraten. Zum einen werde auf eine für den Sender typisch reißerische Art und Weise ein vermeintlich investigativer Enthüllungsjournalismus betrieben, der Männer an den Pranger stelle, denen faktisch keine Straftat nachgewiesen werden konnte. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger verurteilte diese Praxis und äußerte laut 'Spiegel Online': 'Es besteht die Gefahr, dass Unschuldige angeprangert und große Schäden angerichtet werden und der Rechtsstaat in eine Schieflage gerät.'

Darüber hinaus ist die Identität von zwei der überführten Männer nicht ausreichend verschleiert worden. Der Kinderdorfleiter aus Würzburg ist laut 'Focus Online' vor wenigen Tagen aufgrund der Ausstrahlung entlassen worden und inzwischen verschwunden, seine Familie und sein ehemaliger Arbeitgeber hätten bereits eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Im zweiten Fall haben die Informationen ausgereicht, damit noch während der Ausstrahlung im Internet die Identität des Mannes mit Namen, Adresse und privaten Fotos über Twitter und Foren verbreitet werden konnte. Für den Mann begann eine Hetzjagd ohne Gleichen, trotz berechtigter Vorwürfe kann hier bald nur noch die Rede von Selbstjustiz sein.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter hingegen begrüßte das Format, es sei lediglich eine Schande, dass ARD und ZDF ihren Bildungsauftrag derart vernachlässigten und 'Tatort Internet' nun auf RTL 2 zu sehen sei. Vielleicht haben die öffentlich-rechtlichen Sender auch gut daran getan, denn ein rechtliches Nachspiel scheint unvermeidbar. Wenn Kindesmissbrauch und Internetkriminalität auch heikle Themen sind, so werden Datenschutz und Persönlichkeitsrechte hier doch mit Füßen getreten. Noch dazu lässt die Aufmachung von 'Tatort Internet' eben Zweifel darüber aufkommen, ob er hier eher um Kinderschutz oder Einschaltquote geht.

Bild: YouTube

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